Torsten Roeder

Musik

Zitiert

Wünschelrute

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

(Joseph Freiherr von Eichendorff, 1835, zitiert am 17. Januar 2016, entdeckt bei Joachim-Ernst Berendt: Nada Brahma - Die Welt ist Klang)

Bad News?

Anruf in einer onkologischen Praxis. In der Warteschleife ertönt »Guantanamera«. Schön, denkt man, das kubanische Flair soll wohl der Beruhigung des Anrufers dienen. Warum nicht. Aber ... worum ging es doch gleich in dem Lied? Die deutsche Wikipedia erläutert: »Der Refraintext wurde in den 1930er-Jahren in Kuba zum Synonym für ‚schlechte Nachricht‘«. Oh. Ach so.

Es besteht jedoch Anlass zu glauben, dass die Wahl der Melodie nicht ganz so gemeint war. Denn, erstens, wieviel Intention darf man in diesem Fall überhaupt annehmen? Wäre denn der elegische erste Satz von Mozarts 40. Sinfonie (dadadah-dadadah-dadadaadih ...) etwa passender gewesen? Und, zweitens, stellt die deutsche Wikipedia eine möglicherweise schwer haltbare Behauptung in den Raum. In der spanischen Wikipedia findet sich der (zwar ebenfalls unbelegte, aber gut begründete) Hinweis, dass der Radiomoderator José Fernández dieses Lied als Grundlage für improvisierte Nachrichtenkommentare verwendet hat. Also dient es mehr der kritischen Beleuchtung einer Nachricht – was in der Medizin ja nie verkehrt ist. In diesem Sinne: Guantanamera!

Once upon a time in Bob’s Country Bunker

»We had a band powerful enough to turn goat piss into gasoline.«

— The Blues Brothers (1980), in memoriam Donald »Duck« Dunn † 13. Mai 2012

Beethovens Kaffeemaschine

»Vom 23ten September 1825 neues privilegium der Dampf (Kaffe) Maschine mittelst einer Vorricht., welche das durch die heißen Dämpfe aufgelösete aroma durch löschpapier mit solcher gewalt durchpreße, daß auch nicht ein Atoma mehr in dem ausgelaugten Kaffepulv. zurückbleib. könne, wodurch Ersparung an Kaffe u. Geschwindigkeit gewonnen wird.«

(Ludwig van Beethoven, Notiz vom 23. September 1825, zitiert am 10. Oktober 2010)

www.beethoven-haus-bonn.de
Rabaut's Kaffee‐ und Thee‐Maschine, Polytechnisches Journal, 1824, Band 13

Ergänzung: »Zum Frühstück nahm er gewöhnlich Kaffee, den er sich häufig selbst bereitete. Mit diesem Getränke war er so scrupulös wie die Orientalen. 60 Bohnen auf eine Tasse, und da das blecherne Maass sich um eine oder zwei Bohnen irren konnte, so zählte er die 60 Bohnen für jede Tasse selbst ab, dies besonders, wenn er Gäste hatte.«

(Anton Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven, 1840, S. 264, zitiert am 8. April 2011)

»Ich habe mich der Sache persönlich angenommen«

Ein Bericht von Peter Neumann in der Berliner Zeitung löste einst das Rätsel um die Melodieschnipsel, welche in Regionalzügen (RE 1, 2 und 4) als Signal vor den Bahnhofsansagen abgespielt werden. Entsprechend der mithilfe von GPS ermittelten Region - Berlin, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern - lässt der Bordcomputer ein Volkslied erklingen, mehr oder weniger zur Freude der Fahrgäste. Die Idee dazu stammt angeblich aus Japan.

Hinter dem Interpreten verbirgt sich kein geringerer als Bahnmanager Karl-Heinz Friedrich aus Berlin, Regionalbereichsleiter für Produktion und Technik bei der Deutschen Bahn in Potsdam. Wie aber fand der Bahnangestellte zur Musik? Peter Neumann bekam die Antwort: »In der Schule sang ich im Chor. Später, als ich Sachbearbeiter bei der Reichsbahn war, trat ich mit einer Band im Friedrichstadt-Palast auf.« Schulchor, Reichsbahn, Friedrichstadt-Palast, Regionalexpress - eine vermutlich einzigartige Laufbahn.

Da Friedrich bei seinen ersten Einspielungen im Jahr 1999 noch rechtlich geschützte Melodien verwendete, gab es bald Ärger mit der GEMA, so dass der Bahn für die Beschallung der Fahrgäste monatlich 5.000 Euro in Rechnung gestellt wurden. Die Berechnungsgrundlage ist die Anzahl der Sitzplätze im Konzertsaal, also etwa 400 pro Zug. Die Lösung lag nahe: Friedrich griff erneut in die Tasten und verwendete diesmal ausschließlich ungeschütztes Volksliedmaterial aus dem 19. Jahrhundert.

Hier die Melodieanfänge im Einzelnen, zum nachlesen und mitsingen: In Berlin schallt einem die schlesisch-mährische Weise »Jetzt kommen die lustigen Tage« entgegen. In Brandenburg erklingt das etwas sachtere »Wer recht in Freuden wandern will« auf den Text von Emanuel Geibel - dieser lieferte neben dem Lied »Der Mai ist gekommen« auch den Reim »am deutschen Wesen mag die Welt genesen«. Im Zug hört man aber ohnehin nur die Melodie von Franz Gustav Klauer. In Mecklenburg-Vorpommern kann man den ersten Takten des norddeutschen Volksliedes »Dat du min Leevsten büst« lauschen.

Dem Volksliederarchiv lässt sich entnehmen, dass nicht nur Bahnmanager, sondern auch Luftwaffenangehörige eine große Affinität zu Volksliedern pflegen. Zwei der von Friedrich verwendeten Lieder finden sich nämlich auch im Liederbuch der Fallschirmjäger, welches 1983 im Selbstverlag von Rudolf Witzig erschien. Der Kommandeur a.D. und einst Erster Vorsitzender des Bundes Deutscher Fallschirmjäger hatte sich der Sache persönlich angenommen: auf dass »die schönen Lieder nicht vergessen, sondern von jung und alt in unserer Kameradschaft gesungen werden«.

(Zitate: Karl-Heinz Friedrich nach Peter Neumann, zitiert am 11. September 2010, und Rudolf Witzig, zitiert am 24. September 2010)

Caffeehausleben ii: Hector Berlioz im Caffé Greco

Es ist dies wohl die abscheulichste Spelunke, die man finden kann; sie ist schmutzig, dunkel und feucht, und nichts kann den Vorzug rechtfertigen, welchen die in Rom lebenden Künstler jeder Nationalität ihr geben. Allein ihre Lage in der unmittelbaren Nähe des Spanischen Platzes und des gegenüberliegenden Restaurant Lepri bringen ihr eine beträchtliche Anzahl von Gästen. Man schlägt dort die Zeit tot, indem man abscheuliche Zigarren raucht, einen kaum besseren Kaffee trinkt, welchen man daselbst nicht wie sonst überall auf Marmortische serviert, sondern auf kleinen hölzernen Tischen, so breit wie der Deckel eines Hutes, so schwarz und klebrig wie die Wände dieses lieblichen Ortes.

(Hector Berlioz, Memoiren, zitiert am 27. März 2009)

Neue Kompositionslehrmethode.

In England ist wieder eine neue Methode der Kompositionslehre von einem bankerott gewordenen Kaufmann, Sir Adam Aldercrombie, an das Licht getreten. Der Erfinder will nicht damit zufrieden sein, seine Zöglinge (gleichviel wie alt, wie talentvoll oder talentlos, ja gleichviel, ob sie taubgeboren sind, oder nicht) in einem halben Jahre dahin zu bringen, dass sie alles richtig komponieren; er verheißt auch, dass es in ihrer Gewalt stehen soll, stets neu, durchaus neu und durchaus mannigfach zu schreiben, wenn sie sich auch vorsetzen sollten, die jedesmaligen Parlamentsdebatten, oder alle Anschläge auf Lloid’s Kaffehaus durchzukomponieren.

Er hat berechnet, dass die 12 Töne unsrer Oktave (c, cis, d, dis, … h) schon an sich 479 001 600 verschiedne Zusammenstellungen zulassen. Diese Summe mit der der Tonwiederholungen in alles Oktaven, ferner mit der aller möglichen rhythmischen und Instrumental- und Vokalstimmen-Kombinationen multiplicirt, giebt eine so große Totalsumme, dass der Rest dieses Jahrgangs nicht Raum bietet, sie auszusprechen.

Nun hat der ehrenwerthe Sir Formeln erfunden, wodurch man sich durch die ganze Masse dieser Tonkombinationen hindurchwinden kann, und eben ist er bei dem Verzeichnis aller schon da gewesenen, die nur wenige Millionen dieser Billionenmal Trillionen betragen sollen. Man braucht bloß diese wenigen zu vermeiden und die übrigen formelmäßig anzuwenden, um stets neu, unerschöpflich zu sein.

So – setzt der englische Berichterstatter zu – so mußte Altengland den Kontinent niederdonnern! Was hätten einige Haydn’s oder Beethoven’s bewiesen, mit ihren paar hundert Werken, in denen von 100 Noten 90 alt sind!

(Berliner Allgemeine Musikalische Zeitung am 26. Sept. 1829, S. 8, zitiert am 27. März 2009)

Felix Mendelssohns Frühstückssemmeln

Denkt Euch ein kleines, zweifenstriges Haus am spansichen Platz no. 5, das den ganzen Tag die warme Sonne hat, u. die Zimmer im ersten Stock darin, wo ein hübscher Wiener Flügel steht, auf dem Tische liegen einige Portraits von Palestrina, Allegri etc. mit ihren Partituren, ein lateinisches Psalmbuch um daraus «non nobis» zu componiren – daselbst residiere ich nun. Am Capitol war es mir zu weit, u. ich fürchtete vor allem die kühle Luft, von der ich hier freilich nichts zu besorgen habe, wenn ich des Morgens aus dem Fenster über den Platz sehe, u. sich Alles so scharf im Sonnenschein vom blauen Himmel abhebt. Der Wirth ist ehemals Capitain unter den Franzosen gewesen, das Mädchen hat die herrlichste Contraaltstimme, die ich kenne, über mir wohnt ein kön. Preuß. Hauptmann mit dem ich zusammen politisire - kurz, das Local ist gut. Wenn ich Morgens früh nur ins Frühstückszimmer komme, und die Sonne so hell auf die Buttersemmeln scheint (Ihr seht, ich bin zum Poeten verdorben) da wird mir gleich unendlich behaglich zu Sinn, denn es ist doch eigentlich Spätherbst ...

(Felix Mendelssohn, zitiert am 23. März 2009)

Caffehausleben der deutschen Künstler in Rom

... Es sind furchtbare Leute, wenn man sie in ihrem Café Greco sitzen sieht; ich gehe auch nie hin, weil mich zu sehr vor ihnen graut u. vor ihrem Lieblingsort; das ist ein kleines finsteres Zimmer, etwa 8 Schritt breit, u. auf einer Seite der Stube darf man Tabak rauchen, auf der andern aber nicht und 8 Schritt ist es breit; da sitzen sie denn auf den Bänken umher, mit den breiten Hüten auf, große Schlächterhunde neben sich, Hals, Backen, das ganze Gesicht mit Haaren zugedeckt, machen einen entsetzlichen Qualm (nur auf der einen Seite) schreien deutsch sagen einander Grobheiten; die Hunde sorgen für Verbreitung von Ungeziefer, eine Halsbinde, ein Frack, Neuerungen, was der Bart vom Gesicht frey läßt, das versteckt die Brille - furchtbar sehen die Künstler aus; u. so trinken sie Caffee u. sprechen von Titian und Pordenone, als säßen die neben ihnen u. trügen auch Bärte u. Sturmhüte. Dazu machen sie so kranke Madonnen, schwächliche Heilige, Milchbärte von Helden, daß ich mitunter Lust bekomme sie zu prügeln ...

(Felix Mendelssohn am 11. Dezember 1830, zitiert am 16. März 2009)

Rom, den 8. November 1830

Heut soll ich nun von den ersten 8 Tagen in Rom schreiben, wie ich mir mein Leben eingerichtet, wie ich dem Winter hier entgegensehe, wie die göttlichen Umgebungen auf mich zuerst eingewirkt haben, und das wird mir etwas schwer. Es ist mir, als hätte ich mich verändert seit ich hier bin, und wenn ich früher meine Ungeduld u. Eile vorwärts zu kommen, u. immer schneller die Reise fortzusetzen, unterdrücken wollte, oder für eine Gewohnheit hielt, so sehe ich jetzt wohl, daß eigentlich nur der lebhafte Wunsch diesen Hauptpunct zu erreichen daran Schuld war; und nun habe ich ihn denn erreicht, und mir ist so ruhig u. froh u. ernsthaft zu Muthe geworden, wie ichs Euch gar nicht beschreiben kann. Was es ist, das so auf mich wirkt, kann ich wieder nicht genau sagen: denn das furchtbare Koliseum, u. der heitere Vatikan, u. die milde Frühlingsluft tragen dazu bey, wie die freundlichen Leute, mein behagliches Zimmer, und Alles. Aber anders ist mir; ich fühle mich glücklich u. gesund, wie seit langem nicht, u. habe am Arbeiten solche Freude u. danach, daß ich wohl noch viel mehr hier auszuführen denke, als ich mir vorgesetzt hatte, denn ich bin schon ein ganzes Stück hinein. ...

(Felix Mendelssohn am 8. November 1830, zitiert am 12. März 2009)

Herausgeber: Torsten Roeder - Stand: Oktober 2015 - Impressum